Wundermann Uebel aus Brasilien

Spielt sieben Instrumente mit elf Gefühlen in einem Zug — 15 Jahre hartes Training

ALÉM DAS FRONTEIRAS

4/26/20262 min lesen

Waldsee (Hä). Eine ungewöhnliche Einladung flatterte uns dieser Tage ins Haus. Pastor Hans Wendt, vom Kirchlichen Außenamt der Evangelischen Kirche in Frankfurt, von Estrela in Brasilien zu wissenschaftlichen Arbeiten nach Deutschland berufen, lud Vertreter der Presse in den Gemeindesaal des Protestantischen Pfarrhauses Waldsee ein, um hier seinen Landsmann Heinrich Uebel vorzustellen, der vor wenigen Wochen in Le Havre eingetroffen und durch Frankreich behutsam seinen musikalischen Wunderkasten begleitet hatte. Er wollte gern einmal die Heimat seiner Vorfahren im Hunsrück und Westfalen wiedersehen, vor allen Dingen aber einen geschickten Handwerksmeister finden, der seinen Wunderschrank vervollkommnen und ihm die letzte klangliche Richtung und Lichterfülle geben könnte.

Sein Name, meinte der weitgereiste Geistliche Wendt, sei Übel, aber er sei nicht übel. Davon konnten wir uns überzeugen. Der einstige Landwirt in Estrela war lange Jahre Berufsmusiker. Schwere Krankheiten ließen ihn den Beruf aufgeben. Auf dem Krankenlager grübelte er monatelang, wie er sein Bandoneon mit anderen Instrumenten zu einer harmonischen Ehe zusammenbringen und diese gleichzeitig bedienen könnte. Der jetzige Schrank ist der fünfte. Bei dem brasilianischen Marsch „Dobrado Selvino Rodrigues“ konnten wir uns staunend überzeugen, daß Ubel die Akkorde im wahrsten Sinne des Wortes mit den Füßen trat, mit dem linken Fuß die Trommel rührte und Bässe bediente, mit dem rechten die Begleitung vornahm und mit den Knien die Wechsel der Akkorde besorgte, mit dem Mund Trompete blies, das Bandoneon nicht vergaß und alles in wohlgefälligen Formen hielt.

Bei dem langsamen Fox „Despedida“ (Abschied) traten sechs schwenkbare Mundharmonikas, eine Konzertina, ein Violoncello, das Spezialklavier, Pauke und Schlagzeug in den Wettstreit. Bei dem argentinischen Walzer „Amor e Celo“ (Liebe und Leidenschaft) gab es die schwierigste Vorstellung von Instrumenten: sieben vereinten sich, um elf verschiedene Bewegungen und Gefühle auszudrücken. Um dieses Kabinettstückchen vollendet zu beherrschen, brauchte Heinrich Ubel 15 Jahre Training dazu.

Der bescheidene Deutsch-Brasilianer baute dann sein Bandoneon und Geigen ein. Ein Speyerer Orgelbauer hat ihn jetzt besucht und Interesse an einem Umbau des Schrankes gezeigt. Ubel will ein Jahr in Deutschland bleiben. Er hofft, daß seine Verhandlungen mit einer Mannheimer Konzertagentur Erfolg haben. Ein Beauftragter wohnte dem Konzert bei und forderte eine Bandaufnahme und Fotos an.

Pastor Wendt plauderte während der Musikpausen über das „Land der Überraschungen“. Seine beiden Buben sangen uns ein schwermütiges brasilianisches Volkslied. Die beiden kleinen Wendt-töchter schauten uns verwundert an. Die kleine Katherina konnte ich zu einem verschmitzten Lächeln gewinnen. In Brasilien kennt man kaum Eisenbahnen. Auf ihnen fahren nur Freischein-Inhaber oder Angestellte der Bahnverwaltung. Das Flugzeug beherrscht souverän das Verkehrsnetz. Die kleinsten Gemeinden haben einen Sportflugplatz.

Durch einen Zufall kam Wendt nach der Pfalz und Waldsee. Die Pfälzische Landeskirche hatte im Waldseer Pfarrhaus eine schöne Wohnung frei. W. nahm gern an. Hier in der Vorderpfalz fühlte er sich sofort heimisch. Der Dialekt erinnerte ihn an die Laute daheim in Estrela. Auch Torbogen und Häuserinschriften ähneln sehr denen in seiner Heimatgemeinde. Das bindet und kettet. Heinrich Ubel ist noch ein wenig mit den Gedanken daheim in Brasilien. Sein Wunderschrank scheint ihm noch manche heimliche Sorge zu machen. Vor allem sind Pauke und Schlagzeug nach unserer Meinung zu hart und monoton. Hier sollte der Orgelbauer aus Speyer einmal kräftig dahinterleuchten.