Deutsch-Brasilianer machte Musik für ein ganzes Orchester

Heiter-besinnlicher Gemeindeabend der prot. Kirchengemeinde im Saal „Zum Wilden Mann“

ALÉM DAS FRONTEIRAS

4/25/20263 min lesen

Alles in allem ein Wunder u. ein Genie, das sich solch ein Instrument nicht nur ausdenkt, sondern auch zu spielen imstande ist. Das macht dem Landwirt Uebel so leicht keiner nach und es ist nicht verwunderlich, daß Wochenschau, Fernsehen und der Rundfunk auf einen solchen begabten Menschen aufmerksam wurden. Dabei ist H. Uebel als Mensch sehr bescheiden. Er erzählt fast beschämt, daß er an einigen Musikstücken 15, ja auch 20 Jahre geübt hat, bis die Darbietung so reif war, daß man sie auch mit Genuß hören konnte. Er hat noch große Zukunftspläne. Im Augenblick steht er in Verhandlung mit einigen Firmen, die ihm eine Erweiterung seines Programmes ermöglichen, so daß er imstande sein wird, nicht wie bisher auf sieben, sondern gleichzeitig auf 11 bis 12 Instrumenten zu spielen. Unglaublich wird manch einer sagen, wer es aber gesehen und auch gehört hat, der hält dies nicht für unmöglich. Da gibt es aber auch keinen Muskel, der beim Spielen nicht eingesetzt wird. Die Füße bedienen zugleich drei Instrumente, und zwar die Zehen, die Fußballen und Fußrücken. Die Knie steuern das Klavicord und erzeugen zugleich den Wind für das Bandoneon. Die Finger der rechten Hand spielen, die Finger der linken Hand spielen und die beiden Daumen und Handrücken, ja sogar der Ellbogen bleibt nicht frei und werden beim Spiel eingesetzt. Das war etwas, was man, wie Pfarrer Dreyer sagte, nicht jeden Tag sehen kann.

In den Pausen plauderte Pfarrer Wend, ebenfalls ein Brasilianer deutscher Abkunft, zur Zeit in Waldsee wohnhaft mit einem wissenschaftlichen Studienauftrag seiner Kirche, in bekannt heiter und besinnlicher Weise über Land und Leute in Brasilien. Pfalz und Hunsrück wurden im Dialekt lebendig, man sah im Geiste alle die Menschen vor sich, die Musterreiter, die wie Münchhausen erzählten, der glückliche Vater, der beim Pfarrer die Taufe anmeldete und Name seines Kindes und Geburtstag nicht wußte und 36 Kilometer hin- und herritt, bis er alles beisammen hatte bis auf den Namen der Nachbarin, die Patin werden sollte. Eigenartig, wenn da in Brasilien Neger einem Weißen begegnen, wenn er vom Schiff an Land kommt und ihn als Landsmann begrüßen und meinen, daß er in einigen Jahren von der Sonne ebenso braun gebrannt sei wie er und bei einer Keilerei in der Wirtschaft der Neger zum deutschsprechenden Baiern sagt: „Mer deitsche Buwe müsse sammehalte“!

Wohl ließ der Besuch der Veranstaltung zu wünschen übrig, aber die gespannte Aufmerksamkeit und Stille im Saal brachten eine Atmosphäre, die wohltuend empfunden wurde. Es war ein Gemeindeabend besonderer Art, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Die prot. Kirchengemeinde hatte am Erntedanktag zu einem Gemeindeabend im Saal der Wirtschaft „Zum Wilden Mann“ eingeladen. Der Reinerlös dieses Abends war bestimmt für die Hungernden der Welt. Im Mittelpunkt dieses Abends, der vom Posaunenchor mit einer Intrade eingeleitet wurde, stand eine Sehenswürdigkeit ganz besonderer Art. Verschiedentlich wurde hiervon in der Presse berichtet, aber niemand konnte sich davon eine rechte Vorstellung machen.

Ein brasilianischer Landwirt von etwa 60 Morgen Land Grundbesitz, Sohn von deutschen Einwanderern, erkrankt schwer. Er hat sich schon früh der Musik verschrieben und hat im häuslichen Kreis, bei ländlichen Festen und Feiern, wie wir es auch von den Pfälzer Musikanten her kennen, gespielt. Auf seinem Krankenbett gewinnt eine Idee Gestalt, und sie hat den Landwirt Uebel nicht mehr verlassen. Er sagte sich, daß es doch möglich sein müsse, daß ein Mensch nicht nur ein Instrument, sondern zu gleicher Zeit mehrere, und zwar ganz verschiedenartig gebaute und bespielbare Instrumente spielen können müsse. Die Idee war geboren, nun mußte sie verwirklicht werden.

Fünf Instrumente hat dieses „Musikgenie“ bisher gebaut und dieses fünfte Instrument hat er in Schifferstadt vorgeführt und erläutert und einzeln nebeneinander und zusammen im Orchester gespielt. Da waren Mundharmonikas, die in schnellem Rhythmus gewechselt wurden, da war die Trompete, die Flöte, ein Klavicord und eine Ziehharmonika, die Trommel und das Schlagzeug u. von Darbietung zu Darbietung steigerte sich die Schwierigkeit in der Beherrschung der Mechanik und der Instrumente. Als gar noch die Violine hinzukam und zuletzt noch das Cello, war von einem einzigen Menschen ein ganzes Orchester zu hören. Alles wurde in wundervoller Leichtigkeit und Harmonie fehlerfrei dargeboten. Es war fast unglaublich, daß so etwas überhaupt möglich sein könne und man suchte vergebens verborgene Züge oder Hebel. Jedes Instrument wurde einzeln und zugleich mit den anderen zusammen gespielt.